Christina Niederberger

Christina Niederberger – Anni

Interview mit Christina Niederberger

1. Hat die Pandemie – Situation einen Einfluss auf dein Schaffen?
In Bezug auf mein Schaffen war der Einfluss durchweg positiv. Als Künstlerin bin ich Isolation gewohnt. Mangel an Ablenkungen und äussere Einschränkungen haben den Fokus auf innere Freiräume geschärft. Das meditative Element in meinen Arbeiten wurde durch die Pandemie noch verstärkt. Inspiriert von Penelopes Weben/Entweben als Metapher für ihr Warten auf Odysseus’ Rückkehr, habe ich angefangen Webstrukturen zu malen; ein Versuch die quasi stillgestandene Zeit bildlich darzustellen. Bezüglich Ausstellungen war die Pandemie einschneidender. Für 2020 geplante Ausstellungen wurden verschoben, fanden hinter geschlossenen Türen und/oder online statt.

2. In welcher Weise prägen tages-, gesellschafts- und wirtschaftspolitische Themen dein Schaffen?
Diese Themen fliessen bewusst oder unbewusst immer in mein Schaffen ein. Allerdings thematisiere ich sie nie direkt oder explizit. Ich will nicht didaktische Bilder malen und bin der Auffassung, dass Kunst hier Übersetzungsarbeit leisten muss. Den grössten Einfluss haben für mich genderpolitische Themen. Zentral für mein Schaffen ist die Frage, wie eine vorwiegend männlich dominierte (Kunst)geschichte gegen den Strich gebürstet und in einem zeitgenössischen Kontext mit femininer Sprache neu interpretiert werden kann.

3. Wie definiertst du deinen Beruf als Künstlerin / als Künstler?
Ich definiere mich vorab als Künstlerin und sekundär als Malerin. Diese Unterscheidung ist mir wichtig, da der Künstlerberuf für mich alle Berieche umfasst und nicht auf eine Disziplin beschränkt bleiben sollte. Begriffe wie Feierabend, Wochenende und Ferien sind mir fremd. Künstlerin zu sein ist für mich eine Lebenseinstellung und nicht ein Beruf. Ich empfinde meine Tätigkeit als grosses Privileg. Sie gibt mir die Möglichkeit, ausserhalb von gegebenen fixen Regelsystemen, meinen Fragen nachzugehen und kreative Wege zu suchen diese zu formulieren.

4. Wo siehst du die Aufgabe der Kunst im gesellschaftlichen Kontext?
Generell sehe ich die Aufgabe der Kunst darin ihre Freiheit zu nutzen zeitgenössische, gesellschaftspolitische Themen anzusprechen. Kunst ist vielleicht vergleichbar zum Hofnarren im Mittelalter, der dem König einen kritschen Spiegel vor Augen halten konnte solange er dabei unterhaltsam blieb. So kann auch Kunst schwierige Fragen aufwerfen und gesellschaftspolitische Kritik üben. Sie macht das aber nicht direkt sondern humorvoll verpackt und mit Spielraum für Interpretation. Sie lockt mit Schönheit, Intelligenz, Eleganz oder anderen Mitteln der Überzeugung und verführt so zu neuem Denken.

5. Wie wichtig sind öffentliche Reaktionen für dich und dein Schaffen?
Als Künstlerin funktioniere ich innerhalb eines gesellschaftlichen kulturellen Kontexts, in meinem Bezug zu diesem Kontext und in ständiger Auseinandersetzung mit ihm. Kunst ist Kommunikation und entwickelt sich im Dialog. Öffentliche Reaktionen zeigen mir wie und ob meine Kunst verstanden wird. Sie sind ein Zeichen der Anerkennung und zeigen mir, dass meine Kunst wahrgenommen wird.

6. Welches ist dein persönliches Highlight in diesem besonderen Jahr 2020?
Das grösste Highlight ist, dass mich Union Gallery in London in ihr Programm aufgenommen und mir eine Einzelausstellung angeboten hat. Ich freue mich mit dieser renommierten internationalen Galerie auch in Zukunft zu arbeiten.
Andere Highlights:

  • Die von mir kuratierte Gruppenausstellung Then&Now, London
  • Eine online Ausstellung mit CCgallery, London
  • Teilnahme an der Cantonale im Musée jurassien des Arts, Moutier
  • Die analogen Collagen auf alten Postkarten, welche ich nebst meiner Atelierarbeit während den lockdown Abenden entwickelt habe.
  • Die Instagram Initiative #artistssupportpledge; ein solidarisches Kunstmarktprojekt von Künstlern für Künstler.

Mein ganz persönliches Highlight war aber zu merken, dass ich als Künstlerin mental und emotional gut ausgerüstet bin, aus diesem Ausnahmezustand das Beste zu machen und ein Lockdown meine inneren Freiräume nicht beeinträchtigt sondern eher erweitert.


Zum Bild

Anni, 2020, Öl auf Leinwand, 140 x 110 cm


Weitere Werke und Kontakt

Christina Niederberger unter www.niederberger-paint.ch und Instagram @christinaniederberger



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